Bewerben ohne Anschreiben: Ist das erlaubt?

Neuer Trend: Anschreiben überflüssig ✓ diese Firmen wollen kein Anschreiben ✓ schneller mit One-Click-Bewerbung ✓ "doppelte Passung" immer wichtiger ✓​

 

  • Der DAX-30-Konzern Henkel verzichtet ausdrücklich auf das klassische Anschreiben bei Bewerbungen.

  • Auch die Versandprofis von OTTO wollen keinen Begleitbrief mehr zum Lebenslauf.

  • Und auch immer mehr Headhunter und Personalberater wollen nur noch einen CV für die ersten Kontaktaufnahme.

  • Hat das ungeliebte Anschreiben (hier: kostenlos Anschreiben-Test als PDF), das die meisten Bewerberinnen und Bewerber viel Zeit und Nervenkraft kostet, damit endlich ausgedient?

  • Wird nun alles einfacher und besser bei der Jobsuche?

 




Anschreiben einfach weglassen

In Bewerbungstrainings oder Vorträgen werden wir nun häufiger gefragt "Darf ich das Anschreiben jetzt nicht einfach weglassen?"

Wie so oft im Bewerbungsverfahren, gilt es auch hier zu differenzieren.

 

Vollständige Unterlagen gefordert

Werden in Stellenanzeigen "vollständige", "aussagekräftige" oder "übliche" Bewerbungsunterlagen eingefordert, ist damit gemeint, dass die klassische E-Mail-Bewerbung diese Elemente enthält.

  • Anschreiben,

  • Lebenslauf,

  • Foto (freiwillig, aber meist erwartet)

  • Arbeitszeugnisse,

  • Zertifikate über Studium oder Ausbildung,

  • spezielle Weiterbildungsnachweise.

Fehlt nun das Anschreiben, trotz dem ausdrücklichen Wunsch nach vollständigen Unterlagen, kann dieser formale Fehler im Auswahlverfahren negative Folgen haben.

Insbesondere dann, wenn noch weitere formale Vorgaben, beispielsweise die Nennung des frühestmöglichen Eintrittstermins oder ein Gehaltswunsch, ebenfalls nicht erfüllt werden.

Man wird der Bewerberin oder dem Bewerber womöglich unterstellen, dass er auch künftig klare Arbeitsanweisungen eher auf die leichte Schulter nimmt. Sicherlich keine Empfehlung, um als neuer Mitarbeiter eingestellt zu werden.

 

Führungskräfte nur mit CV

Anders stellt sich die Lage dar, wenn ausdrücklich auf ein Anschreiben verzichtet wird. Dies kommt häufiger bei der Suche nach Führungskräften oder Top-Manager/-innen vor.

Hier möchten Headhunter mit der Forderung nach zeitaufwändig ausformulierten Anschreiben nicht abschrecken. Der Hinweis "CV reicht für die Bewerbung" soll Leistungsträger ermuntern, ihr Interesse an der ausgeschriebenen Position mit möglichst wenig Aufwand zu bekunden.

Allerdings ergibt sich aus dieser Aufforderung die nächste Hürde. Um Bewerbungserfolg zu haben, muss der Manager-CV dann wesentlich passgenauer aufbereitet werden. So achten wir in unserer Beratungspraxis darauf, dass beispielsweise beim Lebenslauf-Check die Vorgaben aus der Stellenausschreibung intensiv analysiert und dann im CV passgenau aufgegriffen werden. Und damit steigt der Aufwand an dieser Stelle der Bewerbungsarbeit wiederum beträchtlich.

 




Anschreiben überflüssig, Eigenmotivation nicht

Auch bei OTTO oder Henkel sieht die Bewerbungsrealität auf den zweiten Blick dann doch ganz anders aus. So erklärt OTTO, dass Bewerber das Anschreiben dann weglassen können, wenn sie stattdessen eine Motivationsfrage beantworten.

Dieser erläuternde Hinweis klingt für uns als Bewerbungsberater wie eine Umschreibung für ein Anschreiben. Denn ein gutes und aussagekräftiges Anschreiben verdeutlicht insbesondere diese Aspekte.

  • Motivation: Warum möchte ich bei dieser Firma arbeiten?

  • Fachkenntnisse: Welche fachlichen Kenntnisse sprechen für mich?

  • Persönlichkeit: Passen die von mir genannten persönlichen Stärken zur Stelle?

  • Teamfähigkeit: Bin ich ein Teamplayer?

  • Gegebenenfalls Führungsstärke: Wie unterstütze ich mein Team so, dass es Unternehmensziele erreicht?

Henkel dagegen versucht den Bewerbungsprozess deutlich zu beschleunigen und setzt so schnell wie möglich auf persönliche Gespräche – allerdings am Telefon. Und in diesen Vorabtelefonaten werden dem Kandidaten dann "Fragen gestellt, die in seiner Bewerbung nicht beantwortet wurden."

 




Alternativen zum Anschreiben: Direkte Fragen

Höchstwahrscheinlich werden dann insbesondere Fragen dieser Art gestellt:

Und genau diese Fragen sollte auch ein überzeugendes Anschreiben beantworten können.

Damit wird klar, dass die gedankliche Arbeit, die Bewerber bei der Ausarbeitung eines überzeugenden Anschreibens leisten müssen, einfach auf einen späteren Zeitpunkt verlagert wird.

Und wenn international aufgestellte Konzerne verkünden, dass sie den Bewerbungsprozess deutlich beschleunigen wollen, bedeutet dies in der Realität oft, dass Absagen einfach deutlich schneller erfolgen sollen als bisher.

Denn gerade Konzerne „leiden“ ja eher an einem Überhang an Bewerbungen als an mangelnder Nachfrage.

 




One-Click-Bewerbung: Nur ein Traum?

Als erfahrene Bewerbungs- und Karriereberater sehen wir daher auch die Euphorie, mit der One-Click-Bewerbungen mittels XING oder LinkedIn als Allheilmittel für schnelle Kontaktaufnahmen und Bewerbungen verkündet werden, eher skeptisch bis kritisch.

Denn sehr viele One-Click-Lebensläufe, die wir auf den beruflichen Netzwerken regelmäßig sichten,

  • lassen wichtige Aufgaben, Tätigkeiten und Verantwortungsbereiche unerwähnt,

  • gehen nicht auf spezielle Projekte ein,

  • enthalten keine Angaben zu persönlich erreichten Erfolgen (nachhaltige Qualitätsverbesserungen, umgesetzte Innovationen, erreichten Vertriebsziele usw.)

  • sind in keiner Weise ausgerichtet auf das aktuell „umworbene“ Unternehmen und

  • natürlich auch nicht auf eine spezielle Stellenausschreibung hin angepasst.

 




Bitte nur Anschreiben mit „Mehrwert“

Gerade die "doppelte Passung", also die Passung ins Unternehmen und auf die Stelle, wird eine One-Click-Bewerbung niemals leisten können.

Davon abgesehen gehören sensible Unternehmensdaten, die einen Bezug zu den Leistungen in der aktuellen Position haben, ja auch keinesfalls in die für jedermann zugänglichen öffentlichen Räume des Internets, der Datenschutz lässt grüßen.

Und von einer Abmahnung (50 Gründe) bis hin zur Kündigung ist alles denkbar, wenn Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter auf XING oder LinkedIn über Projekte, Erfolge, Aufgaben und aktuelle (Unternehmens-)Ziele ausführlich Auskunft geben würden.

Dennoch haben wir natürlich Verständnis dafür, dass Bewerberinnen und Bewerber nicht unbegrenzte zeitliche Ressourcen für die Formulierung von knackigen Anschreiben und aussagekräftigen Lebensläufen haben.

Machen auch Sie es sich leichter, indem Sie unsere Muster, Beispiele, Vorlagen und Formulierungen nutzen, die einen speziellen Bezug zu Ihrem Berufsfeld haben und für ganz unterschiedliche Zielpositionen ausgearbeitet sind.

 

Stechen Sie aus der Masse heraus, indem Sie im schriftlichen und im persönlichen Bewerbungsverfahren mit glaubwürdigen und passgenauen Argumenten überzeugen, viel Erfolg!

Christian Püttjer & Uwe Schnierda twitter: karrierecoaches   

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