Schweizer Arbeitszeugnis und deutsches: 10 Unterschiede

 

In unserer über 25-jährigen Beratungspraxis optimieren wir regelmäßig auch Arbeitszeugnisse für Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und für Deutsche, die vorübergehend oder dauerhaft in der Schweiz arbeiten.

  • Was unterscheidet Schweizer Arbeitszeugnisse und deutsche Beurteilungen im Detail?

  • Welche Besonderheiten sind zu berücksichtigen?

  • An welchen Punkten sind Schweizer Arbeitgeber offener für Nachbesserungen?

  • Wo ist eher mit Widerstand und Abwehrreaktionen zu rechnen?

  • Und gibt es auch in der Schweiz den berüchtigten Geheimcode?

 




Schweizer Arbeitszeugnis: 10 Unterschiede

Auch wenn Arbeitszeugnisse in der deutschsprachigen Schweiz, in Österreich und in Deutschland viele Gemeinsamkeiten aufweisen, gibt es dennoch wichtige Unterschiede. Zum einen sind die rechtlichen Vorgaben und die damit verbundenen Urteile der Arbeitsgerichte unterschiedlich. Und zum anderen gelten bestimmte "Gepflogenheiten" in Schweizer Personalabteilungen, die zu beachten sind.

 

Unterschiede: Schweiz - Deutschland

Die hier aufgeführten Verschiedenheiten beruhen auf unseren persönlichen Erfahrungen in unserer Beratungspraxis. Die Grundlage bilden hier ca. 400 optimierte Schweizer Arbeitszeugnisse im Verhältnis zu ca. 5.500 deutschen Beurteilungen.

  1. Häufig sind Schweizer Arbeitszeugnisse kürzer als deutsche, eher anderthalb Seiten Text als zwei bis zweieinhalb in Deutschland. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

  2. Entsprechend ist der Aufgabenblock oft knapper.

  3. Und auch der Bewertungsblock fällt kürzer aus.

  4. Insgesamt ist der Ton eher nüchterner, also weniger euphorisch.

  5. Besondere berufliche Erfolge werden oft nur auf Nachfrage ins Zeugnis aufgenommen.

  6. Projektarbeit wird weniger häufig erwähnt als in Deutschland.

  7. Führungsleistungen werden genannt, aber Führungserfolge werden seltener explizit beschrieben.

  8. In manchen Schweizer Zeugnissen wird ausdrücklich schriftlich vermerkt, dass die verwendeten Formulierungen "uncodiert und transparent" sind (Dazu gleich noch mehr.)

  9. Krankheiten werden erwähnt, wenn sie einen erheblichen Einfluss auf die Leistung des Arbeitnehmers hatten oder einen sachlichen Grund zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses darstellten.

  10. Besonders auffällig ist, dass die zahlreichen Einzelnoten, beispielsweise Arbeitsmotivation, Belastbarkeit, Arbeitsweise, Arbeitsqualität und Sozialverhalten, deutlich seltener "temporale Adverbien" wie stets, jederzeit, immer, permanent oder durchgehend, enthalten.

 




10 Gemeinsamkeiten

Glücklicherweise gibt es nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten zwischen Schweizerischen und deutschen Arbeitszeugnissen. Hierzu zählen im Einzelnen:

  1. Einleitungsabsatz mit Vorname, Familienname und Geburtsdatum.

  2. Beim Endzeugnis: Dauer der Tätigkeit.

  3. Beim Zwischenzeugnis: Beginn der Beschäftigung.

  4. Aufgabenblock mit wesentlichen Tätigkeiten und Verantwortungsbereichen.

  5. Einzelbewertungen zu Arbeitsmotivation, Belastbarkeit, Fachwissen, Arbeitsweise, Arbeitsqualität und Sozialverhalten (hier: 200 kostenlose Beispielformulierungen in Noten).

  6. Nur Führungskräfte: Beurteilung des Führungsverhaltens (Führungsstil).

  7. Gesamtnote in Form einer zusammenfassenden Leistungsbeurteilung.

  8. Schlussabsatz, oft mit Kündigungsgrund (Arbeitnehmer oder Arbeitgeber) oder Verweise auf Stellenabbau und betriebsbedingte Kündigungen.

  9. Optional aber üblich: Dank für die geleistete Arbeit, Bedauern über den Weggang (bei Eigenkündigung oder Stellenabbau).

  10. Ebenfalls optional aber typisch: Ausdrücklicher Wunsch für "gute Zukunft und "weiteren Erfolg".

 




Uncodiert oder doch Geheimcode?

Wie oben erwähnt, enthalten manche Schweizer Zeugnisse explizit einen Hinweis auf "uncodierte oder transparente Bewertungen", beispielsweise in der Fußzeile der Beurteilung.

Mit diesem Hinweis wollen zeitgemäße Arbeitgeber zum Ausdruck bringen, dass keine verschlüsselten Abwertungen enthalten sind, Stichwort "Geheimcode". Es ist sogar so, dass dieser in der Schweiz ausdrücklich verboten ist.

 

Falsche Informationen von Bloggern

Die in diesem Zusammenhang von zahlreichen Journalisten und Bloggern ohne Erfahrung in der Karriereberatung seit Jahrzehnten wiederholten Auflistungen zum angeblichen Geheimcode gab und gibt es zwar weder in Deutschland noch in der Schweiz.

  • "Er hat sich stets bemüht." -> angebliche Bedeutung: "Aber er konnte wirklich nichts!

  • "Sie stand voll hinter Ihren Kollegen." -> angebliche Bedeutung: "Sie hat ein Alkoholproblem!".

  • "Er verfügte über ein großes Einfühlungsvermögen für die Belange der Belegschaft." -> angebliche Bedeutung: "Er war sexuell aufdringlich!"

  • weitere Beispiele: 200 Geheimcodes -> kostenloser PDF-Download

 




Gesamtnoten Arbeitszeugnis Schweiz

Allerdings gibt es sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland zahlreiche Abstufungen für Einzelnoten und die Gesamtnote, die von den beurteilten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern regelmäßig als "Geheimcode" angesehen werden. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine ausdifferenzierte "Zeugnissprache" in Abstufungen, die der Übersetzung in Noten dient.

Entschlüsseln auch Sie Formulierungen in Ihrem Schweizer Arbeitszeugnis. Unsere Beispiele helfen Ihnen dabei.

 

Gesamtnote 1 (sehr gut)

"Herr Müller erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit."

"Seinen Aufgabenbereich bewältigte Herr Schmidt engagiert, zuverlässig und zielstrebig stets zu unserer vollsten Zufriedenheit."

"Seine Leistungen waren insgesamt stets sehr gut."

"Frau Müller führte alle Aufgaben stets zu unserer außerordentlichen Zufriedenheit aus."

 

Gesamtnote 2 (gut)

"Herr Müller erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit."

"Seinen Aufgabenbereich bewältigte Herr Schmidt engagiert, zuverlässig und zielstrebig stets zu unserer vollen Zufriedenheit."

"Seine Leistungen waren insgesamt stets gut."

"Frau Müller führte alle Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit aus."

 

Gesamtnote 3 (befriedigend)

"Herr Müller erledigte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit."

"Seinen Aufgabenbereich bewältigte Herr Schmidt engagiert und zuverlässig zu unserer vollen Zufriedenheit."

"Seine Leistungen waren insgesamt gut."

"Frau Müller führte alle Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit aus."

 

Quelle: Alle Beispielformulierungen aus -> 1000 /1300 Formulierungen für Arbeitszeugnisse als PDF-Download für Fach- oder Führungskräfte.

Überprüfen, verbessern oder schreiben Sie Ihre End- oder Zwischenzeugnisse mithilfe unserer 1000/1300 Formulierungen für Fachkräfte oder Führungskräfte.

Klicken Sie einfach auf das Bild für eine Leseprobe (PDF-Datei).

Gesamtnote 4 (ausreichend)

"Herr Müller erledigte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit."

"Seinen Aufgabenbereich bewältigte Herr Schmidt zuverlässig zu unserer Zufriedenheit."

"Seine Leistungen waren insgesamt befriedigend."

"Frau Müller führte alle Aufgaben zu unserer Zufriedenheit aus."

 

Gesamtnote 5 (mangelhaft)

"Insgesamt erledigte Herr Müller erledigt Aufgaben meist zu unserer Zufriedenheit."

"Seinen Aufgabenbereich erledigte Herr Schmidt ordnungsgemäß."

"Seine Leistungen waren insgesamt ausreichend."

 




So Nachbesserungen einfordern

Wenn Sie Ihr Schweizer Arbeitszeugnis bekommen haben und es verstehen möchten, sollten Sie insbesondere

  • die Aufgabenbeschreibung,

  • die Einzelnoten,

  • die Gesamtnote und

  • den Schlussabsatz

überprüfen. Denn wissenschaftliche Studien zum Thema Arbeitszeugnis belegen regelmäßig, dass diese vier Prüfpunkte auch von Zeugnislaien in den Firmen, also beispielsweise Fachvorgesetzten, Inhabern und Geschäftsführern regelmäßig gesucht und ausgewertet werden.

Damit Sie hier wenig Zeit verlieren, empfehlen wir Ihnen unsere PDF-Downloads für Zeugnisse. Alle PDF-Dateien enthalten Hunderte von Beispielen für Aufgaben und Tätigkeiten, berufliche Erfolge und eben auch "sehr gute" und "gute" Muster für Arbeitszeugnisse.

 




Selber konkrete Formulierungen anbieten

Fühlen Sie sich ungerecht bewertet, sollten Sie zunächst das Gespräch suchen und ganz konkret die Punkte benennen, die Sie stören. Auch in der Schweiz kann man mit den meisten Personalabteilungen reden und einen Kompromiss erzielen. Idealerweise bieten Sie alternative Formulierungen an, die oft auch übernommen werden.

Unserer Erfahrung nach sind Veränderungen im Aufgabenblock besonders leicht zu erzielen. In der Regel wissen die beurteilten Arbeitnehmer ja ganz genau, welche Aufgaben im Zentrum ihrer Berufstätigkeit beim Unternehmen standen. Hier kommen Personalmitarbeiter besonders schnell entgegen.

Wenn es dagegen um die Einzelnoten geht, sollten Sie immer im Hinterkopf behalten, dass in der Schweiz die Gesamtnote regelmäßig "wichtiger" ist. Wie ausgeführt, werden Einzelnoten in Schweizerischen Zeugnissen auffällig häufiger ohne die in Deutschland so wichtigen Zeitwörter "stets, jederzeit, immer, durchgehend" formuliert. Damit ist oft aber gar keine indirekte Abwertung verbunden.

Dennoch zeigt die Erfahrung, dass es immer einen Versuch lohnt, begründete Nachbesserungen freundlich einzufordern.

Auch der Hinweis, dass zu einem späteren Zeitpunkt Bewerbungen in Deutschland angedacht sind und die "pingeligen" deutschen Personalmitarbeiter auf bestimmte Schlüsselwörter mehr Wert legen als ihre Schweizerischen Kollegen kann unter Umständen Gehör finden.

 

Christian Püttjer & Uwe Schnierda twitter: karrierecoaches 

foto: © Joshua Ness on Unsplash.com